Ein Durchschnittsnachmittag in der Agentur. Heute bei den 38 gleichzeitig zu erledigenden Dingen der Arbeitsliste: Redakteuren hinterher telefonieren, die wir zu einer Software-Präsentation (Ergonomie-Simulation) mit anschließendem Oktoberfest-Besuch eingeladen hatten. Der Kollege gegenüber schaute an seinem Bildschirm vorbei zu mir: „Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen.“ Später erfuhr ich, dass das in seinem Börsenticker gestanden hatte, den er als Leiste unten auf seinem Bildschirm durchlaufen ließ.
Was? Die Information suchte sich zögerlich einen Platz im Hirn, zwischen „Medien-Ente“ und „Oh. Mein. Gott.“, bastelte ein paar Bilder aus Hollywood-Katastrophenfilmen dazu.
Der Kollege hatte mittlerweile bei CNN recherchiert und bestätigte: „Ein normales Passagierflugzeug. In einen Turm des World Trade Center.“ Noch hielten wir die Katastrophe für einen schreckliche Unfall. Ich starrte den Kollegen an, während er weiterklickte, während sein Gesicht immer ernster und blasser wurde. „Und jetzt ein zweites, in den zweiten Turm.“ Die Information war endgültig bei „Oh. Mein. Gott.“ gelandet. Die Kopfbilder dazu bedienten sich immer noch bei Hollywood-Produktionen.
Nach endlosen Minuten, keine Ahnung, was ich in denen gemacht habe: Die ersten Bilder auf meinem Bildschirm. Und das automatische Zuschalten des Emotionsblockers: „Zu – viel – zu – viel – zu – viel…“
Mein Team und das weitere Team im Großraum ließen alles liegen und stehen und rannten ins Nebengebäude: Im dortigen Konferenzraum gab es einen Fernseher. Ich blieb sitzen. Holte die Telefonliste auf den Bildschirm. Rief bei einem Redakteur des Weka-Verlags in Poing an, ich kann mich nicht erinnern, welchen: „Ich weiß ja nicht, ob das jetzt sehr unpassend ist, wenn ich Sie nach der Veranstaltung von VVYY frage…“ Er lachte, lachte ganz normal: „Ach was, uns bleibt doch eh nichts übrig.“
Nach einer halben Stunde kamen die Kollegen wieder und berichteten: Flugzeug auf das Pentagon abgestürzt, weiteres Flugzeug unterwegs. Ich nickte und schob die Berichte aus dem Bewusstsein. Arbeitete weiter. Auf den Nachrichten-Websites war ohnehin kein Durchkommen mehr. Wenn ein Kollege eine neue Information gefunden hatte, rief er sie in den Raum. Ich hatte das immer dringendere Bedürfnis, jemanden anzurufen. Der Mitbewohner war nicht daheim. Erst am Abend erreichte ich meine Mutter: Sie wusste bereits Bescheid, war recht ungerührt und kam gerade von zwei Stunden Step Aerobics zurück.
Bei mir war es erst der Dokumentarfilm der französischen Brüder Naudet über die New Yorker Feuerwehr, der mich das Geschehen ein Jahr später begreifen ließ und mich endlich auch emotional erschütterte.