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Letzte Woche versuchte mir das Selbsthassmonster mal wieder einzureden, ich hätte zugenommen. Mein Kleiderschrank ist sehr voll, und so merke ich mir nicht im Detail, welche Hose, welcher Rock eher locker oder eher eng sitzen – und kann mir flugs einbilden, die blaue Hose mit Nadelstreifen kneife plötzlich an den Oberschenkeln. Ich war mal wieder ganz knapp davor, mich zu wiegen (merke: sich ständig wiegen müssen nur Kranke und Schwangere). Dabei bewies mir mein schöner Blumenrock gestern, dass von Zunehmen nicht die Rede sein kann: Er saß mit genau so viel Spiel wie immer auf den Hüften.
An der Ecke bin ich immer noch hochempfindlich. Mein Körperumfang ist seit fast zwei Jahren genau so, wie ich ihn haben will. Nein, ich wünsche mir nicht, dünner zu sein – was sich doch angeblich jede Frau erträumt. Zum einen schaue ich mir heute die Fotos meines dünneren Selbst an und stelle fest: Das war zu dünn. An meinem kräftigen Knochenbau wirkt zu wenig Umhüllung verhärmt. Und ich erinnere mich zu gut, dass ich Größe 36/38 nur mit eiserner Selbstkasteiung halten konnte – ein deutlicher Hinweis, dass sie mir nicht entsprach. Zum anderen weiß ich aus Erfahrung, dass viele Kleidungsstücke mir nie stehen werden, egal, wie dünn ich bin. Gewichtsverlust würde also lediglich bedeuten, dass mir all meine schönen Sachen nicht mehr passen. Nein, danke.
Aber, und hier die Empfindlichkeit: Mehr zu werden, bleibt einer meiner schlimmsten Alpträume. Auch wenn nichts darauf hinweist, dass das ein reales Risiko ist.
Kein Wunder also, dass mich Perfect Girls, Starving Daughters: The Frightening New Normality of Hating Your Body interessierte. Es war der Untertitel, der mich auf das Buch aufmerksam machte. Er fasst zusammen, was die Autorin Courtney E. Martin zum Schreiben gebracht hat: Wir sehen es inzwischen als völlig normal an, dass Frauen ein kaputtes Verhältnis zu ihrem Äußeren und zur Nahrungsaufnahme haben.
Martin nimmt sich heterosexuelle Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 29 vor. Auch wenn ihre Untersuchung nicht statistisch relevant wissenschaftlich ist, sondern lediglich eine große Menge Fälle aufzählt, sind ihre Definitionen und Abgrenzungen gewissenhaft und transparent. Dazu gehören auch saubere Quellenangaben und eine ausgiebige Literaturliste.
Das Buch basiert auf einer Vielzahl Interviews mit Mädchen, Frauen und Männern, per E-Mail oder persönlich. Zu den Aspekten, die Martin beleuchtet, gehören „Feminism’s unintended legacy“, „The male mirror“, „Pop, Hip-hop, Race and the Media“, „All-or-nothing nation“, “Athletic obsession“. Vieles daran ist sehr US-amerikanisch: Die High-School-Mechanismen, die beschriebene Desillusion nach Studium oder 11-Jährige, die von ihrer Mutter einmal die Woche zum Nutritionist geschickt werden, sind mir als Europäerin fremd. Überrascht war ich aber, wie viel von dem, was sie über 12- bis 29-Jährige schreibt, auch auf mich 40-Jährige zutrifft.
Viele von Martins Beobachtungen fand ich erhellend. So hält sie ein unbeabsichtiges Erbe der Feministinnen zweiter Generation fest: Wir, die wir von unseren Müttern ermutigt wurden „You can be anything you want” haben das ganz offensichtlich aufgefasst als „You must be everything”. Wie es zu diesem Missverständnis gekommen ist, bleibt offen. Allerdings waren es dieselben Mütter, die Wein predigten, aber Wasser servierten (es sind immer die Mütter schuld). Die ihre Töchter anwiesen, sich gegen die Kult von Äußerlichkeiten zu wehren, selbst aber vor dem Spiegel verächtlich zu sich waren. Oder die mich, in meinem Fall, auf Höchstleistungen in der Schule und eine Karriere dressierten, sich selbst aber komplett vom Geld und Beruf ihres Ehemanns abhängig machte.
Auch interessant: Die Ergebnisse von Martins Erhebung, was Männer (angenommen, es handle sich um eine erfassbare Gruppe) wirklich an Frauen (eine ebenso hypothetische Gruppe) attraktiv finden. Zum einen stellt sie fest, dass ein Unterschied zwischen der Jagd nach hot girls und der Suche nach einer möglichen Partnerin besteht. Die hot girls entsprechen den Stars in Film, Musik und Fernsehen, von ihnen träumen Männer, um diese treten sie in Wettstreit, sie gelten als Trophäe. Doch dann ist da die E-Mail-Aktion, die Martin startete. Sie mailte allen Männern in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis und bat sie, die Mail an so viele Männer wie möglich weiterzuschicken, wies ausdrücklich darauf hin, dass auch anonyme Antworten willkommen seien:
“What do you honestly find attractive? Don’t give me your politically correct answer. Lay it on me.”
And almost every one of them answers in some form or another:
confidence and a sense of humor.
In truth, if you are worrying about snagging a man, you would be better off spending your time taking an improv comedy class than running on the treadmill. (…) Guys don’t want disappearing women. In direct contrast, they actually want women who are present, strong, and ambitious. Guys don’t want women who maintain a tiny size if it isn’t their natural weight. They want women who carry their size with grace.
Es folgen seitenweise Zitate aus den Anwort-Mails, die das belegen.
Andererseits: Wenn Frauen das wirklich einsehen würden, könnten die meisten Frauenzeitschriften dicht machen. Die Folgen: Medienkrise, arbeitslose Journalisten, Einbruch in der Werbeindustrie, Armageddon. Das wollen wir doch nicht. Es ist einfach zu lukrativ, wenn Frauen sich scheiße finden.
Eine Ursachenanalyse bietet Martin nur in Ansätzen an – aber das hat sie sich auch nicht als Aufgabe gestellt. Völlig hilflos ist auch sie, wenn sie in Gesprächen mit jungen Mädchen feststellt, dass diese sich sich des mörderischen Einflusses von Medienbildern sogar bewusst sind, aber keine Möglichkeit sehen, sich ihm zu entziehen. Die Lösung, die sie am Schluss des Buches als Möglichkeit aufzeigt (kein amerikanisches Buch ohne Lösung), ist entsprechend fragwürdig: „Spirituality.“
Befremdlich war für mich das Einweben persönlicher Erlebnisse der Autorin. Ihre Begründung: So viele Frauen haben sich ihr geöffnet und viel von sich preisgegeben, dass sie das der Gerechtigkeit halber ebenfalls tun muss. Ich schwanke zwischen Kopfschütteln über das Aufgeben der wissenschaftlichen oder auch nur journalistischen Distanz und dem Respekt davor, wie verletzbar sich Martin damit macht. (Außerdem hätte ich Martins hochkomische Geschichten, wie ihr Vater sich bemühte, Teil ihres Frauwerdens zu sein, nicht missen wollen.)
Wieder zurück zu mir persönlich: Mein Selbstbild ist viel besser geworden in den vergangenen Jahren (mag am Alter liegen: Martin berichtet am Rande von den älteren Frauen, die endlich Frieden mit ihrem Körper geschlossen haben. Nur dass sie nicht so lange warten will), auf einer Waage stand ich seit eineinhalb Jahren nicht mehr, das innere Monitoring meiner Nahrungsaufnahme ist deutlich nachlässiger geworden. Misstrauisch bleibe ich meiner Sportlust gegenüber.