Archiv für März 2019

Journal Mittwoch, 6. März 2019 – Brighton 5, Undercliff Spaziergang und Englischer Wein

Donnerstag, 7. März 2019

Dann zur Abwechslung halt wieder ein Morgen und Vormittag mit Kopfweh. Ich machte nach dem eigentlichen Aufwachen noch ein Nickerchen.
Bei Teetrinken und Bloggen war es draußen zwar grau und windig, aber völlig trocken und eher mild. Also dann: Undercliff Walk bis Rottingdean als Spaziergang. Davor noch ein Cappuccino im Kettencafé.

Der Spaziergang war ein Abenteuer. Es war wohl eh gerade Flut, und der Sturm ließ die Wellen meterhoch an der Mauer des Wegs brechen, an einigen Stellen deutlich über den gesamten Weg bis zum Cliff. Wir versuchten den Wellengang im Blick zu behalten, um den größten Brechern auszuweichen (Herr Kaltmamsell führte Computerspielerfahrung mit solchen Szenarien an), wurden aber doch zweimal ziemlich von windverwehter Gischt erwischt. Es war herrlich.

In Rottingdean schauten wir bei den Kipling Gardens vorbei, die erwartungsgemäß noch winterlich uninteressant aussahen.

Einkehren erst auf einen Kaffee, dann in einen Pub zum Mittagessen: Fish and Chips für mich, Beef Pie für ihn.

An sich hatte ich den Rückweg per Bus eingeplant, doch dann war ich zu neugierig, wie es wohl zwei Stunden später auf dem Undercliff Way aussehen würde: Wir gingen zu Fuß.

Jetzt waren die Wellen weit draußen. Sehr spannend, was sie aus dem Meer auf dem Weg hinterlassen hatten, so manche Pflanzenreste waren erst bei genauerer Betrachtung als organisch zu identifizieren.

Als wir zurück in die Ferienwohnung kamen, bröselte mir das Salz vom Gesicht und meine Haare knisterten kristallin.

Für den Abend hatten wir einen Tisch im Isaac At reserviert: Hier, so hatte ich gelesen, wurden nicht nur sehr lokale Speisen serviert (“Sussex on a plate”), sondern auch ausschließlich Getränke aus England, inklusive einer rein englischen Weinkarte.1 Es wurde ein denkwürdiger kulinarischer Abend.

Schöner kleiner Gastraum, das gestapelte Besteck erwies sich als praktisch, weil es nicht für jeden Gang neu eingedeckt werden musste. Auf Bildschirmen in den Ecken des Raums wurden Kochstationen und Pass übertragen. Auf dem Tisch eine ausgedruckte Menu- (feste Speisenfolge) und Getränkekarte für jeden, auf der Rückseite die food miles für jede Zutat (Scherz oder Ernst?). Rein männliches, junges, freundliches Personal, der Sommelier hatte viele persönliche Geschichten zu den Weingütern der Weine im Glas.

Wir fingen mit einem Schaumwein an, Ridgeview Merret Bloomsbury Sparkling Brut.

Der Gruß aus der Küche war ein kleines Schälchen heißer Pilzsud mit Thymian, köstlich. Leider scheine ich vergessen zu haben, den ersten Gang zu fotografieren: eine Scheibe ofengebackener Sellerie mit Eigelb, etwas Apfel und Kapuzinerkresse, sehr rund. Im Glas dazu ein Plumpton Estate Ortega (Ortega stellte uns der Sommelier als süddeutsche Traube vor – noch nie gehört, aber es stimmt), leicht und freundlich.

Das Brot, das als Laib und mit lokaler Butter serviert wurde, ist ein Treacle and Stout Loaf, das Restaurant hat das Rezept sogar online gestellt.

Zum Schellfisch gab es einen leicht holzigen Albourne Estate Cellar Selection, der seinen Chardonnay völlig unbuttrig einband.

Mein Lieblingsgang mit meinem Weinfavoriten des Abends, auf dem Foto rechts unten: “Brassica” verschiedene Kohlsorten blanchiert und gegrillt, in Sößchen und mit gerösteter Nuss, dazu ein Rosé Davenport Diamond Fields Pinot Noir.

Zum Rind (zweitliebster Gang) gab es einen Wein, der nur vier Meilen entfernt vom Fleisch gewachsen war: Sedlescombe Regent-Rondo, den ich dann doch ein wenig rass fand.

Herr Kaltmamsell nahm zum Käse noch einen Blackdown Elderberry Port, also einen Hollerbeeren-Portwein, sehr interessant.

Von den Desserts war ich begeistert: Apfel und Kerbel als Sorbet passten wundervoll zusammen, und auch der große Teller mit leichter Mousse, Birne, leicht gebrannten Nüssen schmeckte mir sehr gut – die ich es ja eigentlich gar nicht mit elaborierten Restaurantdesserts habe. Abschließend wurde zum Espresso noch ein frisch gebackenes Mandelküchlein serviert, dessen Boden in Sirup getränkt war.

Herr Kaltmamsell war so freundlich gewesen, auch von meinen Weinportionen zu trinken, um mich ein wenig vor Migräne zu schützen. Dafür musste ich ihn aber heimbugsieren.

§

Die Diskussion unter dem älteren Post um esoterische Heilmethoden ging weiter (ehrlicher Dank an Kommentatorin Christine, dass sie sich immer wieder gemeldet hat – allerdings lernte ich aus ihrem jüngsten Kommentar, dass sie “esoterisch” als beleidigend empfindet, es wird immer komplizierter) und brachte mich auf den Verdacht, wo der eigentliche Konflikt liegen könnte. Verfahrene Diskussionen sind oft auf eine sehr unterschiedliche Wertung derselben Aspekte zurückzuführen. In diesem Fall, so sieht es aus, ist es der Aspekt des subjektiven Erlebens vs. objektivierbarer Daten. Die Seite der Esoterik wertet das eigene Empfinden und das eigene Erlebnis als zentral (“ich hab’s doch selbst gesehen”, “es ist mir doch selbst passiert”); Hinweise auf Bias und Übertragungsfehler werden entsprechend als Angriffe und als Abwertung dieser persönlichen Empfindungen wahrgenommen.

Die Seite der Forschung sieht objektivierbare Daten, die möglich weit getrennt von persönlicher Wahrnehmung werden, als zentral an. Wenn jemand diese als “aus zweiter und dritter Hand” zu entkräften versucht, werden Kriterien angeführt, die für dieses Denksystem irrelevant sind. Auf die subjektive Seite muss die analytische Argumentationsweise der Forschung fast zwangsweise kalt und arrogant wirken. So ist jeder der beiden Ansätze überzeugt, der andere gehe von völlig falschen Prämissen aus.

  1. Seit ich gestern die Überschrift notiert habe, singt in meinem Kopf Udo Jürgens “EeeeeenglischerWaaaaaain!” Bittegerne. []

Journal Dienstag, 5. März 2019 – Brighton 4, Einkaufsbummel, Abend im Market, Eleanor Oliphant is Completely Fine

Mittwoch, 6. März 2019

Sehr gut geschlafen – das tut so gut.
Draußen hauptsächlich blauer Himmel, doch ich spürte das Joggen plus Herumlaufen vom Vortag in den Füßen: Keine Lust auf nochmaligen Lauf. Plan für den Tag war: Bummeln durch Geschäfte, vor allem in North Laine.

Ausblick von der Ferienwohnung. Am Horizont eine lange Kette Offshore-Windkrafträder.

Erst mal Teetrinken und Herumwohnen, Herr Kaltmamsell über Arbeit, ich über Internetlektüre.

Zum Kaffeetrinken in eine der vielen kleinen neuen Röstereien, Small Batch.

Schlendern durch Waterstone’s, Geschäfte in North Laine.

Weitere Ausfälle. Eine der Hauptattraktionen Brightons waren bei meinen ersten Besuchen vor 20 bis vor 15 Jahren die vielen Second-Hand-Buchläden verschiedenster Spezialisierungen gewesen, von dem Laden an der Queens Road, in dem einfach ein riesiger Haufen Bücher bis kurz unter die Decke lag, durch den man sich wühlen konnte, bis zum edlen Antiquariat an der Duke Street und alles dazwischen. Sie sind nach und nach verschwunden, nun ein weiterer. Bleibt meines Wissens nur noch der kleine Laden in der Trafalgar Street, der auch CDs und Platten verkauft (von dessen Existenz wir uns gestern überzeugten).

Ich kaufte in der Lieblingspapeterie einen Stapel schöner Blanko-Glückwunschkarten mit Vogelmotiven, außerdem am gewohnten Ort eine Tüte Gummizeugs nach Gewicht.

Ausgewogenes Frühstück, so wichtig.

Mittagessen im Pub:

Pie of the day für Herrn Kaltmamsell (Chicken, Mushrooms, Vegetables), Süßkartoffel- und Kichererbsen-Curry mit gebratenen Tofuwürfeln für mich. Und ja: Im Hintergrund sieht man die Reifen eines Rollstuhls. Weil in UK auch noch so traditionelle, historische und denkmalgeschützte Pubs barrierefrei sein müssen, das geht.

Zum Glück fanden wir doch noch den kleinen Herrenausstatter, bei dem sich Herr Kaltmamsell schon zweimal zuvor eingekleidet hatte (die kundigen und fürsorglichen Besitzer sind in einem vorgerückten Alter, das ein Verschwinden des Ladens nicht überraschend gemacht hätte). Wieder fand er schnell ein paar schöne Hemden und eine passende Jeans, jetzt ist für die nächsten Jahre Ruhe.

Der Herr ging mit den Einkäufen zurück in unsere Wohnung, ich bummelte noch ein wenig weiter durch das Einkaufszentrum Churchill Square. Eine große Enttäuschung sind dieses Jahr die Schuhgeschäfte: Zwei Drittel des Angebots besteht mittlerweile aus Turnschuhen, die Sneaker genannt werden (im Gegensatz, wenn ich das richtig verstanden habe, zu Trainers, in denen man tatsächlich Sport treibt).

Zurück in der Ferienwohnung setzte heftiger Regen ein.

Fürs Abendessen hatte ich schon von München aus einen Tisch im Market reserviert. Die Besitzer sind immer noch dieselben wie die des fabelhaften Graze zuvor (wo ich unter anderem meine ersten Taubenbrüste aß und spanischen Gewürztraminer kennenlernte, hier ein Blogpost über meine ersten Besuch dort), vor drei Jahren hatten wir festgestellt, dass auch im neuen Konzept ausgezeichnet gekocht wird. Und auch diesmal bekamen wir deutlich Überdurchschnittliches serviert – unter dem seltsamen Titel “Tapas Menu”. Wir bestellten einen schönen Borsao Tres Picos Garnacha dazu.

Wir aßen (von links oben im Uhrzeigersinn: Jalapeño-Croquetas mit Zatar-Majo, Ziegenkäse-Churros mit warmem Trüffelhonig zum Dippen (beide Teller sensationell), mit Idiazabal überbackenen Kohlrabi auf Romesco (wird dringend nachgebastelt), gebackene Aubergine mit Honig und Limette, Nachtisch war Karamellparfait mit Haselnüssen und salzigem Karamell, Baskisches Ragu mit Morcilla, Chorizo und Nudeln, Miesmuscheln in Räucherpaprika-Sahne mit Chorizostückchen (beste Kombination mit dem Garnacha).

Ich fragte die herzliche und freundliche Bedienung, woran den die Durchgängigkeit der Qualität liege, ob das etwa noch dieselbe Küchenmannschaft wie im Graze sei. Nein, antwortete die Dame, die Mannschaft sei komplett neu, das sei allein die Handschrift der Besitzer.

(Als ich ihr erklärte, dass wir ja schon seit vielen Jahren regelmäßig in Brighton Urlaub machen – ich habe nachgezählt, es sind bald 20 – , fühlte ich mich als Brighton-Veteranin ein wenig in derselben Spießerliga wie Dauercamper.)

§

Gestern las ich Gail Honeyman, Eleanor Oliphant is Completely Fine aus. Ich wusste nichts über das Buch, außer dass Vielleserinnen Anne Schüßler und Novemberregen begeistert waren und es sich um einen Bestseller handelte. So führte mich der Anfang erst mal in die Irre: Ich hatte den Eindruck, dass sich über die Hauptfigur und Ich-Erzählerin, über ihre Schrulligkeiten lustig gemacht wurde, dass ich es mit launiger chick lit zu tun hatte. Noch dazu passten einige Dinge nicht zusammen: Diese junge Frau mit Spitzen-Uniabschluss nutzt ihre Mittagspausen, um den Daily Telegraph von vorne bis hinten zu lesen – aber will keine Ahnung haben, worum es geht, als sie im Enthaarungsstudio nach ihren Präferenzen gefragt wird; das hätte sie bei ihrer jahrelangen Lektüre zumindest aus dem Augenwinkel mitbekommen. Dann wurde sie auch noch mit der verbotenen Technik der Spiegelschau beschrieben (Hauptfigur betrachtet sich im Spiegel und erzählt systematisch, was sie sieht – das denkt niemand beim Blick in den Spiegel!)1 – ich war verärgert.

Doch nach und nach zeigte sich, dass diese Hauptfigur eine sehr verstörte Persönlichkeit ist, die unzählige Dämonen mit viel Mühe und eiserner Disziplin zusammenhält. Da sie gleichzeitig als überdurchschnittlich schlau beschrieben wird, kann sie Wahrnehmungen beschrieben, die ihren Schlüssen daraus komplett widersprechen – ohne dass das unglaubwürdig wirkt. Wir lernen Glasgow kennen, Büroleben, außerdem den neuen Arbeitskollegen Raymond aus der IT, der langsam und wider jede Wahrscheinlichkeit ein Freund Eleanors wird. Und wir begleiten Eleanors Veränderungsprozess, in dem sie sich den unabsichtlichen Nebenwirkungen ihrer Bewältigungsmechanismen stellt. Sehr gut gemacht, das ganze Thema und die ganze Geschichte hätten fürchterlich schief gehen können. Empfehlung.

§

Warum die mangelnde Präsenz von Frauen nicht nur für Durchzählerinnen ein Thema sein sollte (auch ich habe eine Freundin, die betont, dass sie sich sehr wohl durch die Mehrheit von Männern in Machtpositionen repräsentiert fühlt): Sie ist lebensbedrohlich für die weibliche Hälfte der Menschheit. Ein Artikel von Caroline Criado-Perez im Guardian listet auf, welche Lebensbereiche von Stimmerkennung über Medikamente bis Schutzkleidung die Einbeziehung weiblicher Merkmale vernachlässigen und Frauen dadurch in Gefahr bringen.
“The deadly truth about a world built for men – from stab vests to car crashes”.

via VanessaGiese

The impact can be relatively minor – struggling to reach a top shelf set at a male height norm, for example. Irritating, certainly. But not life-threatening. Not like crashing in a car whose safety tests don’t account for women’s measurements. Not like dying from a stab wound because your police body armour doesn’t fit you properly. For these women, the consequences of living in a world built around male data can be deadly.

(Sonderqietschen, weil die Autorin ebenso wie ich bei diesem Thema immer an das Lied aus My fair lady denkt: “Why can’t a woman be more like a man?”)

On the face of it, it may seem fair and equitable to accord male and female public toilets the same amount of space – and historically, this is the way it has been done: 50/50 division of floor space has even been formalised in plumbing codes. However, if a male toilet has both cubicles and urinals, the number of people who can relieve themselves at once is far higher per square foot of floor space in the male bathroom than in the female bathroom. Suddenly equal floor space isn’t so equal.

  1. Dabei kann ich mir durchaus Möglichkeiten vorstellen, mit denen man einen Spiegelblick zur Beschreibung nutzen kann, zum Beispiel wenn die Figur eine Veränderung bemerkt: “Die grauen Haare zwischen den dunklen fielen in der längeren Frisur mehr auf.”, “In diesen Jeans sahen meine sonst so durchschnittlichen Beine direkt lang und schlank aus.” Oder man könnte die Figur über Spiegelei nachdenken lassen: “Sie musste sich immer wieder daran erinnern, dass nur sie im Spiegel das leuchtende Muttermal auf dieser Seite sah; entgegenkommende Menschen sahen das natürlich auf der anderen Seite.” etc. []

Journal Montag, 4. März 2019 – Brighton 3, Laufrunde, Arundel und Food for Friends

Dienstag, 5. März 2019

Früh aufgewacht, nach einer Tasse Tee und Fertigstellung des Blogposts machte ich mich endlich auf zu meiner Laufrunde. (Während Herr Kaltmamsell arbeitete, ganz frei kann er diese Woche nicht machen.)

Aus dem Sturm war wieder nur Wind geworden, allerdings hatte der Sturm die Milde mitgenommen. Zum Glück hatte ich zunächst Rückenwind, so wurde mir beim Laufen schnell warm. Der Rückweg war dann schon fröstliger. Ich lief brav nur eine gute Stunde, um auch die kommenden Tage fit für einen Morgenlauf zu sein.

Es hatte sich in den vergangenen drei Jahren einiges getan, unter anderem gibt es jetzt Leihradstationen und die Haltestellen der Volk’s Railway sind neu. Die Arcaden von Madeira Terrace und die meisten Aufgänge waren abgesperrt: Die historische Anlage muss mal wieder renoviert werden, die Salzluft nagt alles in Windeseile zu Schrott. Ich sah die Plakate der Bürger- und Crowdfunding-Initiative zur Rettung.

Ich hatte schon befürchtet, der Undercliff Walk könnte wegen der rauen See gesperrt sein, war er aber nicht. Die Gischt der gebrochenen Wellen spritzte mehrere Meter hoch über den Undercliff Walk, aber neben mir waren einige weitere Joggerinnen und Radler unterwegs.

Auch die West Street Shelter Hall, in der früher ein Fitnesstudio mit spektakulärer Aussicht auf den Strand war, wird gerade renoviert; Wiedereröffnung ist im September 2019 angesetzt.

Zurück in der Ferienwohnung duschte und pflegte ich mich. Da für gestern deutlich besseres Wetter als für Dienstag angekündigt war, beschlossen wir, den Ausflug nach Arundel Castle gleich anzutreten und spazierten nach einem kuzen Kaffeestopp zum Bahnhof. Die Anfahrt nach Arundel ist ein wenig umständlich und dauerte deshalb trotz der eigentlich kurzen Distanz anderthalb Stunden.

Klingt nach Bayerisch-Schwaben, ist aber Sussex.

Erst im Zug kam ich auf die Idee nachzusehen, ob Arundel Castle am Montag überhaupt geöffnet ist. Ist sie nicht. Nun, unterwegs waren wir ja schon, es würde doch hoffentlich noch mehr in Arundel zu sehen geben. Auf der Fahrt fielen mir die vielen Magnolienbäume auf, die kurz vor der Explosion standen.

Zunächst kehrten wir ins Motte & Bailey Café ein, das mir auf Twitter empfohlen worden war, und aßen sehr gut zu Mittag.

Cream Tea für den Herrn, für mich eine Quiche aus Roten Paprika und Champignons, dazu Salate. Draußen regnete es unterdessen kräftig, hörte aber bald wieder auf.

Wir sahen uns trocken in Arundel um.

Neogothische katholische Kathedrale aus dem späten 19. Jahrhundert.

Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert mit Schlosskapelle.

Attraktives Schloss mit berühmtem Schlossgarten, montags geschlossen.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof erwischte uns ein heftiger Regen- und Graupelschauer. Es dauerte länger als die Zugfahrt zurück, bis ich wieder trocken war.

Für den Abend reservierten wir einen Tisch in unserem Favoriten Food for Friends – eine echte Konstante in Brighton, ich hoffe, dass zu den fast 40 Jahren des Bestehens noch viele dazu kommen. Auf dem Weg dorthin gerieten wir nochmal in einen Regenduscher, der uns aber deutlich weniger nässte.

Vorweg Cocktails: Einen zitronigen mit Lavendel für ihn, einen mit Himbeer und Roter Bete (super Kombi!) für mich.

Nibbles als Vorspeise: panierter Tofu und Pommes.

Gefüllte Champignon für ihn (und Erdbeerbier, weil es keinen Cider gab), Pilze und Perlzwiebeln Stroganoff für mich (mit einem Glas Verdejo).

Journal Sonntag, 3. März 2019 – Brighton 2, Sturm und Abschied vom einstigen Lieblingscafé Red Roaster

Montag, 4. März 2019

Lang geschlafen, die letzten Stunden leider gestört von bösen Kopfschmerzen. Als ich meine Ohropax entfernte, hörte ich zudem das Wetter: Sturm und Regen. Diese Kombination nahm mir die Lust auf die Laufrunde, auf die ich mich schon so gefreut hatte. Zwar wusste ich, dass zuminest der Regen sehr wahrscheinlich nach der einen oder anderen Stunde Pause machen würde, hatte aber keine Lust das abzuwarten.

Statt dessen also Ibu (praktischerweise am Vortag bei Boots auf Vorrat besorgt), Dusche, Tee und Bloggen, als neues Buch Gail Honeyman, Eleanor Oliphant is Completely Fine angefangen. (Herr Kaltmamsell bejubelte das Wetter: “Oh, wir werden SO viel zum Lesen kommen!”)

Irgendwann verließ ich mit dem ebenfalls geduschten und getränkten Herrn Kaltmamsell das Haus, wir wollten Kaffee. Draußen war es weiterhin sehr windig, regnete aber nur wenig und war vor allem mild mit um die 10 Grad.

Unser Ziel war das Red Roaster, mein Lieblingscafé überhaupt (neben dem Café Puck in München) und mein bisheriges Zuhause in Brighton – hier ein Erinnerungsbild. Von instagram-Fotos wusste ich, dass es vor zwei Jahren komplett umgebaut worden war. Am Samstag hatte ich gleich mal von Draußen reingeschaut, um den Schock zu dämpfen. Es sah tatsächlich nach einer völlig anderen Art Lokal aus: Keines, in das Hundebesitzer morgens nach dem ersten ausführlichen Gassigehen mit Hund und dreckigen Gummistiefeln Zeitung lesen und Kaffee trinken würden, einen Schwatz mit anderen Hundebesitzern halten. Keines mit Platz für für Berge von Flyern örtlicher Konzerte und sonstiger Veranstaltungen, keines mit Plakat-Gewusel samt Blutspendeterminen im Treppenhaus zu den Klos im ersten Stock.

Gestern gingen wir hinein. Man wird jetzt bedient von den auch anderswo üblichen hübschen jungen Mädchen im Nebenerwerb, und es gibt eine Speisenkarte zum Frühstück. Darauf unter anderem Saftmischungen, die wie Medikamente beschrieben sind. Vermutlich sind wir nur einen Businessplan davon entfernt, in der Gastronomie unsere Beschwerden und Zipperlein zu nennen, um darauf abgestimmte Speisen und Getränke empfohlen zu bekommen, Gastro-Foodcoach wird ein neues Berufsbild.

Meine Recherche ergab, dass das einstige Café Red Roaster von einer Fernseh-Kochberühmtheit übernommen wurde.

Zumindest bekam ich zu meinem Cappuccino (der zwar gut, aber nicht mehr der beste der Welt war), noch einen Wauzi.

Ich versuche ja erwachsen zu sein und zu verstehen, dass es Zeit für etwas Neues war, dass man auf Dauer nicht den wertvollen Abend verschenken wollte (das Café Red Roaster hatte immer am späten Nachmittag geschlossen). Außerdem war es selbst mir in den Jahren davor aufgefallen, dass wirklich eine Renovierung nötig war. Aber wo sind sie jetzt, die Hundebesitzer und Gassigeherinnen, die alten dicken Frauen in bunten Kleidern und mit vielfarbigem Haar und Gesicht, die alten Männer in Tweed und vernünftigen Schuhen, die Sprachschülerinnen, die jungen Männer mit Trekkingsandalen und Notizbuch, die distinguierten Herrn mit Seidentuch um den Hals? Nachdem ich gelesen habe, dass die neuen Besitzer auch die Rösterei mit neuen Maschinen ausgestattet haben, strich ich sogar “2 Kilo Redroaster-Kaffeebohnen” von meiner Einkaufsliste. Ein trauriger Abschied.

Wir zogen weiter. Hier haben viele Läden ja auch Sonntag auf; in einen mit Krimskrams schaute ich rein – und entdeckte mein nächstes Schreibbuch für die Arbeit. Streichelpailetten!

Für den Sunday Roast hatten wir uns die Beer Dispensary ausgesucht (aus der wir am Vortag eine alte, elegante Dame hatten kommen sehen, die ihren Begleiter ruhig und sehr deutlich artikuliert darauf hinwies: “I’m awfully, awfully tipsy.”).

Jeweils ein Berg Gemüse (Karotten, Kartoffeln, Pastinaken, Mairübchen, Knollensellerie aus dem Ofen, Blaukraut gekocht, Grünkohl, Brokkoli und Buschbohnen blanchiert), darauf Rinderbraten für Herrn Kaltmamsell, Brathähnchen für mich, drumrum gravy (alles ganz ausgezeichnet), drauf Yorkshire Pudding (der leider nur schön war, sonst kalt und trocken). Dazu ein Pint lokales Bitter und ein Pint lokales Stout. Um uns herum junge Leute, junge Familien, sunday roast im Pub ist weiterhin ein gängiges Ritual.

Anschließend war uns nach Spaziergang. Heftiger Wind, dazwischen Regentropfen – aber es war gar nicht schlimm. Vielleicht habt ihr Nordseeurlaubfreundinnen ja doch keinen an der Waffel?

Rückzug in die Ferienwohnung. Draußen wurde es noch richtig stürmisch, wir lasen Warnungen vor fliegenden Dachziegeln und blieben ganz drinnen: Lesen, fernsehen, zu Essen war noch genug vom Vortag da. Abendessen also Brot, Käse, Mango mit Joghurt.

§

Bernd Kramer fasst für die taz den derzeitigen Erkenntnisstand zu Homöopathie zusammen:
“Das weiße Nichts”.

Darin auch ein Exkurs über die Geschichte der Homöopathie und warum sie zu Zeiten des Erfinders Hahnemann tatsächlich Leben rettete.

Bei den klassischen Argumenten im persönlichen Gespräch “Aber bei mir hat’s geholfen” und “Ich kenne aber viele, bei denen es geholfen hat” muss ich mittlerweile oft an hilfreiche Wallfahrten denken: Wallfahrtskirchen hängen voller Dankbarkeitsbezeugungen von Menschen, die ihrer Überzeugung nach vom Wallfahren gesund wurden, nämlich voll Votivtafeln, “Maria hat geholfen”. Weil auch sie Korrelation für Kausalität hielten. Gilt auch das den Homöopathiegläubigen als wissenschaftlicher Beweis? Und wird eine Heilpraktikerin konsequenterweise die nächste Krebskranke zum Wallfahren schicken?

§

Der Karneval hat Smilla Dankerts Blog nochmal wach geküsst, dort gibt es wundervolle Bilder von der Weiberfastnacht:
“Karneval im Planquadrat”.

Journal Samstag, 2. März 2019 – Brighton 1, die Anreise

Sonntag, 3. März 2019

Eine sehr schlechte Nacht, ich war froh, als der Wecker zum frühen Aufstehen klingelte.

Wir fuhren ohne Morgenkaffee mit der S-Bahn die Stunde zum Erdinger Flughafen (es wird wirklich Zeit, dass auch München einen bekommt). Zum Glück gibt es endlich wieder eine direkte Verbindung nach London Gatwick (im Süden Londons und mit Bahnanschluss, der einen in 45 Minuten nach Brighton bringt), allerdings nur mit EasyJet. Es ist Ferienzeit, an Passkontrolle und Sicherheitscheck brachten Menschen die Abläufe durcheinander, die offensichtlich sehr wenig Routine damit haben. Erst machte mich das gereizt – bis mir klar wurde, dass diese Leute ja die Guten sind, nicht wir Oft-Flieger mit Routine.

München verabschiedete uns mit Regen.

Morgenkaffee nach dem Sicherheitscheck, ereignisloser Flug auf unbequemen, engen Sitzen – aber diese anderthalb Stunden ist das auszuhalten.

Es fand sich auch ein passender Zug nach Brighton. Dass die Fahrt diesmal wegen der Umfahrung von Bauarbeiten anderthalb Stunden und damit doppelt so lange dauerte wie sonst, machte gar nichts: Es schien immer wieder die Sonne, die Landschaft vor den Zugfenstern war wundervoll englisch, wir sahen Narzissen, Fasane, Alpakas, vieleicht den einen oder anderen Bussard. Außerdem sahen wir eine beeindruckende Burganlage und entdeckten damit, dass nur 20 Kilometer von Brighton entfernt das legendäre Arundel Castle liegt. Es wurde umgehend ein Ausflugsbeschluss gefasst.

In Brighton schien die Sonne.

Ich holte den Schlüssel zu unserer Ferienwohnung aus einem Safe vor der Agentur. Die Aussicht des Balkons unserer Wohnung war schon mal der Hammer.

Wir stellten nur kurz unsere Koffer ab und gingen wieder los: Hunger. Um ihn zu stillen, aßen wir im vertrauten China Garden vertraute Dim Sum (hier die aktuelle Karte).

Das links oben ist mein Liebling: In Lotusblatt gedämpfter Reis – er schmeckte wieder wundervoll. Neu probierten wir rechts unten gebratene “Turnip Paste”: Scheint ein Klassiker zu sein, schmeckte gut, aber gar nicht Rettich.

Spaziergang und erste Einkäufe. Es zog zu und wurde windig.

Das i360 fahren wir in dieser Woche schon auch noch. Auf der Strandpormenade roch es kein bisschen nach Seeluft, sondern nur nach Fritten – ein menschenreicher Samstag halt.

Vor Supermarkteinkäufen ein Pint im Quadrant.

Da es in der Küche der Ferienwohnung absolut nichts gab außer Tee und einem Restchen Zucker, planten wir kein großes Kochen: Wir hätten alles, alles dafür einkaufen müssen.

Zum Abendbrot gab es Käse und Brot, gegen meinen Gemüsegieper eine rote Paprika.
Wir versuchten noch ein wenig fernzusehen und zu lesen, doch große Müdigkeit trieb uns früh ins Bett.

Journal Freitag, 1. März 2019 – Brutalarbeit

Samstag, 2. März 2019

Der März begann in der Arbeit, wie der Februar aufgehört hatte: Brutal. Und so ging es BÄM! BÄM! BÄM! doch bis nach sechs. Der Tag enthielt Aufgaben und Begegnungen für eine ganze Woche. Ich war so durch, dass ich nicht mal mehr Vorfreude auf den Urlaub aufbrachte.

Vielleicht sollte ich die Urlaubswoche in Brighton dazu nutzen, in mich zu gehen: Kann ich meine materiellen Ansprüche nicht vielleicht doch so weit herunterschrauben, dass ein einfacher Verkaufsjob in einer Bäckerei zur Abdeckung reicht? Ich mag Backwaren, kenne mich ein wenig damit aus, das Personal in Bäckereien wirkt fast durch die Bank sympathisch. (Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass man da nicht gut behandelt wird.)

Daheim weiter geschäftelt, bis alles aufgeräumt und der Koffer gepackt war. Dann tatsächlich Feierabend. Herr Kaltmamsell hatte Sushi kommen lassen und die Milch im Kühlschrank für Schokoladenpudding aufgebraucht.

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Die Bloggess ist durch Arthritis bewegungseingeschränkt und zeigt auf instagram, wie sie dennoch stricken kann, mit einem loom – was sonst auch Deutsch Webstuhl heißt, aber in diesem Fall wahrscheinlich eine andere Bezeichnung hat.

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Bisschen was Lustiges zum Wochenendeinstieg: Grauenhafte Fotos von Immobilien.
“30 Terrible Pictures Taken By Real Estate Agents”.

Journal Donnerstag, 28. Februar 2019 – Ackern

Freitag, 1. März 2019

Nochmal früh aufgestanden für Frühsport, wieder Bauch und Rücken.

Mit dem Fahrrad in die Arbeit, weil ich es nach Feierabend brauchte. Handschuhe waren eine gute Idee, aber Mütze brauchte ich keine. In der Arbeit hatte ich wie schon am Mittwoch fast den ganzen Tag das Bürofenster gekippt – im Februar!

Die Arbeit selbst kam bis nachmittags im Brutaltakt, ich versteckte mich dazwischen ein Viertelstündchen bei Kolleginnen zum Durchschnaufen und Rumblödeln.

Als Mittagessen rote Paprika mit der Resthälfte Manouri, dessen andere Hälfte ich am Vortag mit einer Orange gegessen hatte.

Am Nachmittag wurde es ruhiger, ich konnte die Liste mit Dingen abarbeiten, die ich vor meiner Urlaubswoche noch anschieben musste.

Nach pünktlichem Feierabend radelte ich zum Abholen der Ernteanteilkiste, Herr Kaltmamsell war verhindert. Daraus wurden die Karotten Brotzeit für Freitag, Lauch und Salat unser Abendessen.

Letzte Maschine Wäsche vor Urlaub.