Archiv für Oktober 2020

Journal Samstag, 10. Oktober 2020 – Ich lerne Faulsein

Sonntag, 11. Oktober 2020

Da schau her: Schlafmittel macht Schlaf! Ich wachte nur wenige Male halb auf, weil ich mich vor lauter Entspannung fast auf die operierte Seite drehte. Ach, das hole ich mir doch gleich nochmal, diesmal mit Ausschlafen.

Ich aß sogar einen Happen zum Frühstück. Vormittags schien unter zuziehendem Himmel nochmal die Sonne, ich nutzte sie zu einem Spaziergang.

Als ich kurz vor Mittag eine kleine Geräterunde im Sportraum absolvierte (alles außer Hüfte), fing es an zu regnen.

Zu Mittag Reiberdatschi mit Apfelmus und Himbeeren. Ein süßes Mittagessen ist zwar nichts, was ich mir sonst aussuchen würde, aber ich wollte wirklich nicht das Fleischgericht. Davor Zwiebelsuppe, zum Dessert ein Stückchen Kirschkuchen, ich wurde sehr satt.

Ein herrlich fauler Tag. Kurz nach dem Mittagessen wurde ich müde: Siesta! Ich schlief tief, erwachte erschrocken aus einem grusligen Alptraum (Horrorfilmoptik bei Angriff von Maikäfer-Scharen).

Um nicht zu viel zu sitzen (schlecht für neue Hüfte), setzte ich mich zum Zeitunglesen auf mein Bett, das einen verstellbaren Kopfteil hat. Auslüften bei kleiner Draußenrunde im leichten Regen.

Weiterlesen.

Abends machte ich die Bekanntschaft mit der regierenden Katze, von der ich bereits reden hatte gehört.

Zum Abendbrot gab es köstliches Antipasti-Gemüse.

Spät im Bett begann ich neue Lektüre: Connie Willis, Doomsday Book.

Weil in Rebecca Makkais The Great Believers Krankenversicherung eine so große Rolle spielte und überhaupt: Ich fühle mich derart privilegiert, in einem System zu leben, in dem diese ganze riesige Hüft-Aktion widerstandslos von einer gesetzlichen Krankenkasse beglichen wird. (Jajaja, Verbesserungsbedarf an vielen Ecken, heute aber mal grundsätzlich.) Modernste Diagnostik, verlässliche Pflege, sorgfältige Ärztinnen und Ärzte, mehr als ausreichend zu essen und zu trinken, alle nötige Medikation und medizinisches Verbrauchsmaterial, und jetzt auch noch drei Wochen Reha (die allerdings gezahlt von der Deutschen Rentenversicherung). Im weltweiten Vergleich ist das sensationell.

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Spaß beim Denken: Physikerin Sabine Hossenfelder erklärt, warum die Vorstellung von “Freiem Willen” Unsinn ist – das wiederum kein Grund zur Sorge.

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https://youtu.be/zpU_e3jh_FY

via @mspro

Journal Freitag, 9. Oktober 2020 – Gelassenheit und Rebecca Makkai, The Great Believers

Samstag, 10. Oktober 2020

Anstrengende Nacht mit zweistündiger Schlafpause, die ich irgendwann halt lesend verbrachte. Ich stand früh auf und nutzte die ruhige Zeit der Stationspflegerinnen, sie um Hilfe beim Anziehen des Kompressionsstrumpfs zu bitten (den DARF ich nicht allein anziehen). Die Helferin versicherte mir, dass das Tragen bald sehr viel besser werde, vor allem wenn es bereits morgens mit noch nicht geschwollenen Beinen beginne. Sie hatte recht.

Nach dem Frühstück erster Spaziergang – Anschlussversuche durch herzliche Einsilbigkeit abgewehrt. Vögel im noch ausgeschalteten Springbrunnen beobachtet, zum Teil beim Waschen: Amseln, Kleiber, Rotschwanz, und überm See Möwen.

Keine Möwe.

Lesen auf dem Zimmer bis zum einzigen Vormittagstermin, ein paar getrocknete Aprikosen gefrühstückt. Der Termin umfasste weitere Einweisung in Sportgeräte. Unter anderem wurde eine Reihe Oberkörper-Maschinen für mich eingestellt, die darf ich sogar täglich. Als Frau Physio vom Vortag mich ohne Krücken zwischen den Geräten gehen sah, war sie begeistert: “Nach sieben Tagen!” Plauderei mit dem Trainer unter anderem über die mangelnde Datenbasis vieler Sportgesundheits- und Trainingstipps. Die Einrichtung wird offensichtlich auch von Berufssportlerinnen und -sportlern genutzt: An der Wand bei der Anmeldung Fotos mit handgeschriebenen Danksagungen von prominenten Menschen, deren Namen sogar mir vertraut waren (und meine Zuguck-Sportkenntnis endet ungefähr bei Martina Navratilova und Klaus Allofs).

Charmantes Detail: Gesund für mein Hüftgelenk ist eine Sitzhaltung, bei der die Füße relativ eng stehen, die Knie aber auseinander fallen – fast genau die Sitzhaltung, die ich als Kind hatte, bevor man sie mir als ungehörig (ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut) aberzog. Die Beine übereinander zu schlagen ist mir noch länger untersagt als das Abknicken der Hüfte über 90 Grad – was mir auch gestern nochmal erklärt wurde. Diesmal mit der Gelenkkapsel, die bei der OP stark verletzt wurde und jetzt erst wieder zusammenwachsen muss – idealerweise eng und dicht, um auch langfristig eine Luxation zu verhindern.

Mittagessen: Senfeier mit Spinat und Kartoffeln (vorher Salätchen, nachher Blaubeerquark). Ich war etwas verdutzt, dass die Senfsoße mit Rotisseursenf aromatisiert war und deshalb nicht wirklich nach Senf schmeckte, aber besser als gar kein Senf.

Eine Pflegerin brachte mir den nächsten Therapieplan aufs Zimmer, die nächste Woche sieht schon interessanter aus.

Über einem Cappuccino las ich in der Cafeteria Rebecca Makkai, The Great Believers aus – bis zuletzt gefiel es mir sehr gut. Mehr unten.

Erneuter Spaziergang. Dabei kam endlich das Gefühl an, dass ich erst mal nichts muss. Selige Gelassenheit.

Der eben verstorbene Herbert Feuerstein hat seinen Nachruf selbst hinterlassen. Ich sah ihn über die ARD-Mediathek an.

Vor dem Abendessen bat ich im Schwesternzimmer um eine Schlaftablette – und schämte mich eigenartigerweise dafür. DAs MüsSeN wIr uNS mAl GeNaUEr AnSehEN. (Psychoanalyse hat meine Reflexionsfähigkeit beschädigt.)

Nachtmahl war Matjes Hausfrauen Art, allerdings mit gekochten statt Bratkartoffeln – schmeckte gut!

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Wie kann man die verheerendsten Jahre der AIDS-Epidemie in den USA literarisch verarbeiten? Es gibt wohl nicht viele, die das bislang versucht haben. Rebecca Makkai hat sich für ihren Roman The Great Believers klugerweise dafür entschieden, sie zum sehr dominanten, aber technisch doch Hintergrund für zwei Geschichten mit eigenem Spannungsbogen zu machen.

Der eine spielt in Chicago 1983-1991. Im Zentrum steht der junge schwule Yale Tishman, der mit dem Voranbringen einer Kunstgalerie beauftragt ist. Um ihn die gay community Chicagos, sein Partner Charlie gibt das größte Schwulenmagazin heraus. Während Yales Alltag durch das Thema AIDS bestimmt wird (wer wurde wie getestet, soll man überhaupt, wer ist wie krank, Entwicklung von Medikamenten, wer bezahlt), steht er vor einem sensationellen beruflichen Durchbruch: Die greise Verwandte seiner Freundin Fiona bietet der Gallerie eine Reihe von Zeichnungen weltberühmter Maler an, die sie aus ihrer eigenen Künstlerzeit im Paris der 1910er und 20er besitzt. Daraus entwickelt sich eine explizite Parallele zum Ersten Weltkrieg, der eine ganze Generation junger Talente auslöschte – so wie AIDS es jetzt tut.

Die Protagonistin des zweites Spannungsbogens im Jahr 2015 ist diese Freundin Fiona: Sie fliegt von den USA nach Paris, um ihre erwachsene Tochter zu suchen – diese hatte vor einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Wieder lesen wir über eine Künstlerszene, erleben Schwulsein 30 Jahre später.

Makkai ist deutlich zu jung (*1978), um eigene Erinnerung an das Grauen der Todesschneise zu haben, die AIDS schlug (kurze Erinnerung daran, dass es immer noch keinen Impfstoff gibt, diese Pandemie ist noch nicht vorbei). Selbst habe ich mich seinerzeit zwar mit der politischen Seite befasst (Stichworte Gauweiler vs. Süssmuth), auch mit der medizinischen, doch zum Glück musste ich keine Freunde wegsterben sehen. Doch Makkai schafft einen intensiven Eindruck von Zeit und Thema, mit vielschichtigen Charakteren und Zwischentönen, mit Zeitkolorit ohne Stereotypen (dass es in den 80ern Zauberwürfel und Walkmen gab, ist deutlich weniger wichtig als die Abwesenheit von Mobiltelefonen: ständig muss jemand nach einer Telefoniergelegenheit suchen). Die zweite Geschichte 2015 wirft die bedrückende Frage auf: Wie schlägt das Trauma der Überlebenden auf die nächste Generation durch?

Gutes Buch.

Journal Donnerstag, 8. Oktober 2020 – Erste Bekanntschaft mit Kompressionsstrumpf

Freitag, 9. Oktober 2020

Mittelgute Nacht, vielleicht lasse ich mir zum ersten Mal im Leben ein leichtes Schlafmittel geben, um mich an den Schlaf von früher erinnern zu lassen. Das Kopfweh werde ich wohl als Dauerbegleiter akzeptieren müssen (trinke genug, bekomme eigentlich ordentlich Schmerzmittel).

Zwei medizinische Termine noch vor dem Frühstück. Ich irrte ein wenig durchs Haus, weil die Raumnummern keiner äußeren Logik folgen, sondern auf geheimnisvolle Weise den Patientenzimmernummern zugeordnet sind: Wenn ich fragte “Ich muss zu Raum F3, wo ist denn der?” wurde ich von erfahreneren Insassinnen erst gefragt, welche Funktion der habe (Arztzimmer, Stationszimmer etc.), dann nach meiner Zimmernummer. Diese Kombination ergab dreimal korrekte Hinweise. Überhaupt hielt man sich bei Untersuchungen nicht mit Namen auf, ich lernte schnell, mich mit meiner Zimmernummer vorzustellen.

Frühstück in einem der beiden konsequent verzirbelnussten Restaurants (Angstellte alle in Dirndln). Die einzelnen Plätze sind mit Plexiglas-Wänden auf den Tischen getrennt, ich fand meinen an einem Zweiertisch. Das bedeutet deutliche erschwerte Kontaktvermeidung, denn je mehr Menschen an einem Tisch, desto einfacher kann sich eine wegducken. Da ich mit Krücken unterwegs bin, musste ich mir vom Personal helfen lassen; ich bat lediglich um süßen Schwarztee, Rückkehr zu alten Essgewohnheiten.

Blick aus meinem Zimmer.

Die Unterlagen der Klinik, die mir bereits vor Wochen nach Hause geschickt worden waren, enthielten auch Zugangsdaten für eine eigene App, mit der ich mir meinen Therapieplan auf dem Smartphone anzeigen lassen könne. Ein ausgezeichnetes Mittel gegen die Zettel-Schlamperei, die ich 2019 in der Reha erzeugt hatte. Also holte ich sie mir aufs Telefon, klickte und meldete ich mich durch die Anmeldebildschirme. Ergebnis: “Sie haben heute keine Termine” – der Therapieplan auf Papier listete vier auf.

Vormittags erster Termin Physiotherapie, mich begrüßte eine herzliche junge Frau und stellte sich vor. Heller Lichtblick: Jetzt fühlte ich mich gut aufgehoben und nicht mehr als Zimmernummer. Persönlich, freundlich, zugewandt, mir wurden viele Fragen gestellt, ich bekam viele Fragen beantwortet, und auf die Feststellung, dass ich bis Ende der Woche nur noch einen weiteren Bewegungstermin hatte, sorgte Frau Physio gleich mal für eine Maschineneinweisung am selben Tag. Am schärfsten betonte sie das Verbot des Beugens/Abknickens des neuen Gelenks in den ersten drei Monaten – na gut, dann nehme ich das halt ernster.

Zurück auf dem Zimmer Ärztevisite. Die Narbe sehe wunderbar aus, die Schwellung sei unwesentlich. Zu Letzterem hakte ich nach, weil ich die operierte Seite als deutlich dicker ist als die gesunde empfinde. Die Ärztin erklärte mir Hintergründe und welche Symptome tatsächlich Sorge machen würden – ich war beruhigt.

Die spontan eingeschobene erste Maschineneinweisung kollidierte allerdings mit dem Mittagessen. Ich snackte vorher eine Orange vom Frühstücksbuffet und eine Hand voll Nüsse aus meinem Notbestand, so ging’s. Im Sportkeller zeigte mir ein aufmerksamer Physio einige spezielle Hüft-Übungen, die ich in einer Einheit am Freitag intensivieren darf, setzte aber energisch das Wochenende als sportfreie Ruhetage an (“Alltagsbewegung” darf ich aber, ich habe gefragt): “Die aus Garmisch san so guad operiert, dass imma glei joggen woin.”

Gegen den Hunger setzte ich mich in die Cafeteria zu einem mächtigen Stück Kirschstreusel (sehr gut und sättigend) an Capucchino (mittel). Das hob tatsächlich bis zum Abendessen kurz vor sieben.

Das Wetter war herrlich, ich erkundete im warmen Sonnenschein die Grünanlage der Rehaklinik mit See-Anschluss – das erste richtige Draußen seit einer Woche.

Es gab sogar eine hauseigene Kapelle – wo ich der böse gebeutelten DonnerBella das versprochene Opferkerzerl aufstellen konnte. (Beim zugehörigen Ave Maria kniff ich allerdings, so weit geht mein Voodoo-Glaube nicht.)

Zurück im Zimmer war ich bettschwer: Eine Stunde Siesta, tief und erholsam.

Vorm Fenster Amseln, Spatzen, Mönchgrasmücke.

Einen Termin hatte ich noch, nämlich zur Anpassung eines Kompressionsstrumpfs für das operierte Bein. Bis gestern freute ich mich, dass ich die OP ohne größere Hämatome überstanden hatte. Doch als ich nach dem Grunde für diesen Termin fragte, deutete jemand auf die Rückseite des Beins. Hahaha nein, von hinten in den Spiegel hatte ich nicht geschaut, das, äh, oh.

Ein Exemplar für meine Maße hatte Herr Orthopädiehaus gleich dabei und zog ihn mir an. Angenehm ist was Anderes, das wurde über die nächsten Stunden auch nicht besser. Noch verstehe ich nicht, warum ich dem Hämatom nicht die Zeit zum Abbau geben soll, die es halt braucht und bilde mir ein, dass meine arme, ohnehin misshandelte Oberschenkelmuskulatur jammert: Das auch noch!

Hungrig ging ich kurz vor sieben zum Abendbrot. Das letzte Gericht, das ich mir noch nicht selbst hatte aussuchen können, war “Gemischte Streichleberwurst, Cornichons, Laugensemmel” – only in Bavaria?

Ich nahm’s als Variation des Brotzeit-Brettls und wurde gut satt.

Noch ein Spaziergang im Park: Herrliche Luft, wenn auch sehr kalt. Sehnsüchtig blickte ich ins erleuchtete, aber leere Schwimmbad.

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Der diesjährige Physiknobelpreis an unter anderem Robert Penrose ist ein schöner Anlass, Aleks Scholz’ Text von 2012 hervorzukramen:
“Mein Leben mit Roger Penrose”.

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Zum Chemienobelpreis 2020 an Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna schreibt in Spektrum Lars Fischer Erhellendes, sowohl zur ausgezeichneten Entwicklung der Genschere CRISPR-Cas9 als auch zum Gehackel um die damit verbundenen Rechte:
“Zwischen Patentstreit und Gentech-Debatte”.

Auch die menschliche Seite der Entwicklung beleuchtet für die Süddeutsche Katrin Zinkat (€):
“Korrekturen im Code des Lebens”.

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Und so begab es sich, dass ich meine Geburtsstadt lobend hervorhob: Ingolstadt will das Ernten von stadteigenen Obstbäumen fördern und erleichtern.
“Ein Herz für Kirschdiebe”.
Kindheitserinnerungen, wie ich mit einer Freundin zu den Kirschbäumen an der Gerolfinger Straße radelte, mithilfe der Radln raufkletterte und mich satt aß – damals sicher, dass ich gerade schlimmen Diebstahl beging.

Journal Mittwoch, 7. Oktober 2020 – Komplettübermenschung

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Abschiedsblick aus dem Klinikzimmer. Ich hinterließ den Kaffeekassen von Pflege und von Service ordentliches Danke-Geld.

Als der Fahrdienst in der Tür des Krankenzimmers stand, war ich bis ins Mark übermenscht von den ständig neuen und dann sofort intensiven Kontakten (Sie wollen meine Nagelhäute nicht sehen – blutig gefiesel). Und als der freundliche Herr vom Roten Kreuz im Auto dann AUCH NOCH Konversation machen wollte, hätte ich fast geweint. Zum Glück halfen meine kurzen, aber nicht zu kurzen und immer freundlichen Antworten, auf der Autobahn war es dann eh zu laut.

Regnerische Fahrt über Landstraße bis zum Tegernsee, auf den Wiesen einen Graureiher erspäht, später innerhalb von zehn Minuten fünf Marterl am Straßenrand – hier derrennt man sich wohl gern.

In der Rehaklinik übergab ich alle Unterlagen, die man mir in der Garmischer Klinik mitgegeben hatte – und stand vor einer weiteren Prüfung: Das Ergebnis meines Corona-Tests in der Klinik vorgestern sei nicht dabei, ich möge dort anrufen und es in die Rehaklinik faxen lassen. Ich brach ein kleines Bisschen zusammen und wurde vorübergehend ehrlich: Im Moment, so sagte ich, erschienen mir zwei Tage Isolation nach einem erneuten Test ausgesprochen verlockend, ob man nicht einfach das machen könne.

Natürlich übernahm letztlich doch der Business-Autopilot und rief über eine Stunde so oft in der Klinik an, bis ich die richtige Person dranhatte. Die mich informierte, dass das Testergebnis sehr wohl bei den Unterlagen sei, sie schilderte mir das genaue Aussehen des Blatts, auf dem “links unten” das Testergebnis stehe.

Bis dahin hatte ich bereits das medizinische Aufnahmegespräch gehabt, bei dem ein weiterer Abstrich genommen wurde, das aber aus ganz anderen Gründen wirklich nicht vertrauenseinflößend war. Meine Zeit im Medizinparadies Klinikum Garmisch-Partenkirchen war eindeutig vorbei.

Mein Mittagessen stand bei Ankunft kurz vor 12 bereits auf meinem Zimmer, doch ich war die Sorte von durch den Wind, die mir jeden Appetit nimmt. Ich aß zumindest das Salätchen als Medizin.

ABER! Einzelzimmer. Und es wäre doch gelacht, wenn ich die erfolgreiche Geselligkeitsvermeidung der Reha 2019 hier nicht wiederholen könnte. Es zirbelnusst und dirndelt zum Gottserbarmen in dieser Rehaklinik (die Anlage umfasst ein Gebäude namens “Therapiestadl”), mein ebenerdiges Zimmer geht auf den Parkplatz. Allerdings mit Balkon.

Neu durch Corona: Die Gespräche und Untersuchungen finden auf dem Zimmer statt. Es kamen also vorbei: Pflegerin (Aufnahme), Ärztin (Aufnahme), Pflegerin (Medikamente), Medizinische Fachangestellte (EKG).

Ich legte mich aufs Bett, um mich irgendwie zu sammeln und zu entspannen. Am besten kann ich das ja beim Sport. Oder mit Alkohol. Sonst fällt mir eigentlich nichts ein. Also versuchte ich es mit Musikhören (zu viel Reiz), döselte dann einfach zwei Stunden vor mich hin. Danach ging es mir tatsächlich besser.

Nach ein wenig Internetlesen hatte ich sogar Lust auf einen Krückengeh-Ausflug durch die Gänge, danach stand bereits das Abendessen in meinem Zimmer. Ich aß mit Appetit Karottensuppe, Schinkenbrot und Coleslaw, suchte mir aus den beigelegten Menükarten das Essen für die nächsten Wochen aus.

Ab morgen werde ich im Restaurant essen. Wegen SITUATION wird in zwei Schichten serviert, ich bin der späteren zugeteilt.

Noch wackelt mein Vertrauen in die Organisation der Einrichtung: Ausstattung wurde doppelt gebracht, eine Stunde, nachdem mir der Behandlungsplan für Donnerstagvormittag “Stationszimmer, Gewicht” angetragen hatte, klingelte das Telefon und die Stationsschwester fragte mich nach Körpergröße und Gewicht.

Abendunterhaltung nach einem ausgiebigen Telefonat mit meiner Mutter war Fernsehen, The Good Doctor.

Journal Dienstag, 6. Oktober 2020 – Nach- aber auch Vorteile von Klinik-Mehrbettzimmern

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gestückelt aber doch geschlafen, unangenehme Rückenschmerzen um die Brustwirbelsäule, letztes Aufwachen um sieben.

Bevor ich mich duschen konnte, wurde ich bereits zum Röntgen geschickt – dass mir ein Rollstuhl nicht mal angeboten wurde, sehe ich als nonverbale Anerkennung meines Heilungsprozesses. Selbst die (wieder: freundliche, gelassene) Röntgenfachkraft hatte einen Bewegungstrick für mich Hüftpatientin bei der Hand.

In meiner Abwesenheit hatte es ein kleines Drama im Krankenzimmer gegeben um die Zimmergenossin, die gestern entlassen wurde – doch auch das löste das Personal aufmerksam, fürsorglich und professionell. Ich war verblüfft, wie schnell das hauseigene Labor die dazu nötigen Blutanalysen erledigte.

So ein Dreibett-Krankenzimmer kann über die Tage zu einer kleinen Zauberberg-Blase werden. Und manche beginnen gegenüber Fremden über Dinge zu sprechen, die sehr gut verräumt waren – auch aus den falschen Gründen verräumt.

Visite ergab nichts Neues, das vorher erstellte Röntgenbild wurde gelobt, alles bestens.

Besuch von Herrn Physio, der aus gegebenem Anlasse betonte, dass Treppengehen für uns keine Trainigsform sei, sondern er uns lediglich die Technik dafür beigebracht habe. Er erklärte meine Rückenschmerzen zum einen mit dem Zurechtjuckeln des gesamtem Muskelsystems mit der Endoprothese, zum anderen mit dem ungewohnten Krückengehen. Der Herr erläuterte auch nochmal detailliert, warum man sich nach der Hüft-OP eine Zeit lang nicht mehr als 90 Grad beugen soll: Weil während der OP das Hüftgelenk gewaltsam ausgekugelt werden muss und sich das Bänder-, Muskel-, Sehnensystem danach erst wieder stabilisiert.

Neue Zimmergenossin, neue Lebensgeschichten, neue Krankheitsgeschichten. Fürs Lesen musste ich mir die Zeit immer stehlen. Ich freue mich schon sehr auf mein Einzelzimmer in der Reha ab Mittwoch. Gleichzeitig wurde mir in diesen Kliniktagen in Garmisch klar, dass die Mehrfachbelegung eines Krankenzimmers nützlich ist: Die Patienten oder Patientinnen achten aufeinander, sehr wahrscheinlich selbst wenn sie einander nicht ausstehen können, sind mit Alarm viel schneller als der Pflegeruf, geben einander Tipps unter Leidensgenossinnen.

Mittags bekam ich eine Salatschüssel mit Ei und Käse, dazu Vollkornbrot. Ob abgepacktes Vollkornbrot wohl jemals nicht mehr nach nach Brigittediät riechen wird? (Drei Millimeter Butter sind wirksame Traumabekämpfung.)

Am frühen Nachmittag nochmal eine Einheit Gruppengymnastik Hüfte, der freundliche Physio erklärte viel. Direkt vor den Fenstern des Gymnastikraums im Erdgeschoß gibt es einen Weg mit verschiedenen Oberflächen von Rindenmull über Kopfsteinpflaster bis Kies, den durfte ich auch noch ausprobieren.

Nachmittag mit noch mehr erzwungenem Menschenkontakt, vielleicht gibt es in der Rehaklinik sogar einen Schweige-Trakt?

Zum Abendessen gab es neben Kräuterquark mein geliebtes Gemüse in Aspik.

Abendunterhaltung war die jüngste Folge von Die Anstalt, ein Spoof auf die BBC-Serie Sherlock, mit dem der Fall Julian Assange aufgedröselt wurde – ich erfuhr viel Neues. Hier in der Mediathek.

Als ich mich zum Schlafen fertigmachte, fiel mir ein, dass ich den Anamnesebogen der Rehaklinik, in die ich am nächsten Tag gebracht würde, noch nicht ausgefüllt hatte. Ich machte mich gleich daran – und wurde darüber leider wieder sehr wach. Unter anderem sollte ich in zahlreichen leeren Zeilen meinen gesamten beruflichen Werdegang auflisten. Ich schrieb quer drüber: “Wollen Sie mich einstellen oder behandeln?”
(Mir will wirklich nicht einfallen, wozu diese Angaben dienen sollen.)

Nachtrag, Geständnis: Ich habe am nächsten Morgen ergänzt “Ich sende Ihnen gerne meinen Lebenslauf mit allen 14 Berufsstationen als PDF.”

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Kluge Gedanken von Falk Steiner zu Stand der deutschen Büroarbeit:
“Out of Office: Zeit für eine andere Arbeitskultur”.

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Für “75 Jahre Süddeutsche Zeitung” schreibt Christiane Lutz über ihr Leben als Theaterkritikerin, oder, was ihr lieber ist, als “Journalistin, die sich mit der Kunst des Theaters beschäftigt”:
“Sehen, was gut war”.

Journal Montag, 5. Oktober 2020 – WMDEDGT im Krankenhaus

Dienstag, 6. Oktober 2020

Am 5. jeden Monats sammelt Frau Brüllen Tagebucheinträge unter “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?”

Sehr unruhige Nacht, aber gar nicht mal wegen Schmerzen: Ich wachte einfach oft auf, lag unbequem – auf meine gewohnte rechte Seite darf im mich ja bis auf Weiteres nicht drehen. Aber auch jetzt: Steigende Beweglichkeit des OP-Beins.

Ich erklärte schon vor sechs die Nacht für beendet, ging aufs Klo, finalisierte den Blogpost über den Vortag. Im dunklen Draußen prasselte Regen.

Erste Runde der Tagschicht Pflege: Ich bekam ein neues Pflaster auf die Wunde, ein ganz besonderes und teures, das bis zum Fädenziehen in ca. zehn Tagen drauf bleiben soll, UND! mir Duschen ermöglicht. Ich warf beim Wechsel einen vorsichtigen Blick auf den Schnitt: Länger als gedacht, ca. 20 cm, aber schön gerade und sauber. Um tatsächlich Duschen zu können, nahm mir die Pflegerin die Thrombosestrümpfe ab, sehr angenehm.

Visite: Der Chirurg, der mich operiert hatte, beschrieb nochmal, dass alles wunderbar verlaufen sei, dass die Vermessung meines Hüftgelenks ergeben habe, dass ein ideal passendes Endoprothesenmodell im Sortiment war. Er sei sehr zufrieden. (“Ich auch!”)

Vorher.

Nachher.

Im Vorbereitungsgespräch hatte mir die Chriurgin auf mein Stichwort erklärt, dass meine Röntgenaufnahme vom Vor-OP-Tag ausgemessen würde, eine Software (“der Computer”) aus den Daten die passende Prothese ermittle. Klang etwas professioneller als die rustikale Erklärung “Was nicht passt, wird passend gemacht!” des Chirurgen im Untersuchungsgespräch vergangenen Juni.

Vor dem ersehnten Duschen wollte ich aber noch frühstücken, um den leichten Schwindel wegzukriegen. Nur dass das ungewöhnlich spät serviert wurde, nämlich gegen halb neun. Ich genoss Müsli, Joghurt, eine süße Mandarine und eine reife Kiwi zum Tee.

Dann endlich Duschen. Da ich mich ja weiterhin nicht über 90 Grad beugen soll (Risiko Luxation des neuen Gelenks), musste ich mir für die Säuberung unterhalb Knie etwas einfallen lassen, auch fürs Abtrocknen. Mit Verrenken und Nutzung aller Gliedmaßen ging auch das.

Während ich mich noch fertig machte, hörte ich den Physiotherapeuten kommen. Er beschäftigte sich erst mal mit meinen Zimmergenossinnen. Meine Lektion war gestern Treppensteigen und Abwärtsgehen. Er erklärte mir zudem, dass ich eigentlich von Anfang an ohne Krücken gehen könnte, allerdings natürlich weiterhin humpelnd. Die Krücken sollen den Übergang zu einem gleichmäßigen Gehmuster erleichtern, Stolpern und damit Verletzungen verhindern, generell Vorsicht fördern. Herr Physio fragte eine schon länger operierte Zimmergenossin und mich, ob wir an einer Einheit Gruppengymnastik am Nachmittag im Haus teilnehmen wollten. (Raten Sie.)

Die beiden Damen in den Nebenbetten bekamen Blut abgenommen, von einem recht puschligen Medizinanfänger, ich machte mich auf eine Geh-Runde. Der Regen hatte schon vor einer Weile aufgehört – und war weiter oben offensichtlich Schnee gewesen.

Noch vor dem Mittagessen kam jemand vorbei und nahm einen Abstrich für einen weiteren Corona-Test zur Vorbereitung auf die Reha.

Zu Mittag gab es zwei Fleischklopse in einer wirklich guten Senfsoße (die hatte mich doch schon in Luxemburg so begeistert), dazu frisches Kartoffelpü, zum Nachtisch Fruchtcocktail aus der Dose – Kindheitserinnerungen.

Um halb zwei also Gymnastik. Der Aufzug dafür war zweimal mit Bettentransport belegt, dann wies eine Passagierin darauf hin, dass nur drei Personen reindürften und ließ uns nicht mitfahren. Also nahm ich die Treppe für die vier Etagen, ich hatte doch eben gelernt, wie das mit Krücke ging. Die 20 Minuten Gymnastik waren interessant und sehr anstrengend. Ich gewann noch mehr Vertrauen in die operierte Hüfte, manche Bewegung hätte ich mich ohne die Anweisung des Trainers nicht getraut. Es gab als Hausaufgaben Weichkneten von Sehnen an der Hüfte.

Sonstiger Nachmittag: Zeitunglesen (auf dem Laptop), sonstiges Lesen, eine Geh-Übungsrunde.

Zum Abendessen gab es Brot und Käse, Gemüsequark.

Abendunterhaltung war erst eine Dokumentation über Helga Feddersen, die sich als sehr interessant herausstellte – hätte ich doch nie vermutet, dass sie auch Drehbücher geschrieben hat. Außerdem ein Stück Fernsehgeschichte:

https://youtu.be/nSZrsdemtVo

Zweiter Teil der Abendunterhaltung: Romanlesen Rebecca Makkai, The Great Believers, das mir weiterhin sehr gut gefällt.

Journal Sonntag, 4. Oktober 2020 – Erste echte Schritte

Montag, 5. Oktober 2020

Selbst nachts ging es aufwärts: Ich wachte zwar oft auf, doch bei jeder Lageänderung oder beim Klogang (ich durfte offiziell allein) konnte ich das operierte Bein mit weniger Schmerz und weniger manuellem Nachhelfen bewegen.

Nach dem Regentag ein schöner Sonnenaufgang vorm Krankenzimmer.

Dr. Ssissi! Dr. Frranz!

Noch vor dem Frühstück verabschiedete ich mich vom Verpuppungsstadium Nachthemd (mein eigenes hatte man mir schon kurz nach der OP angezogen – doch nur wenige Stunden später hatte ich es mit Erbrochenem aus dem Rennen geworfen und brauchte das zweite): Ich wusch mich mit Waschlappen und wechselte in T-Shirt und Sporthose. Mahnender Blick des visitierenden Stationsarzts, weil ich ohne Krücken aus dem Bad kam, auch wenn ich mich immer festhielt: Er wies auf die vielen Rückschläge von Patienten und Patientinnen hin, die “nur mal schnell” wollten. Mmmmnagut.

Der Venenkatheter an der linken Hand wurde entfernt, jetzt hinderte er mich im Bett nicht mehr am Umdrehen.

Das Frühstück Müsli, Joghurt, Obst aß ich diesmal fast ganz auf, um nicht wieder zu früh Hunger zu bekommen.

Konversation mit den Zimmergenossinnen, bei so intensiver Ansprache ist es schwer sich rauszuziehen. (In der Reha gibt’s Einzelzimmer.)

Besuch der Physiotherapeutin. Sie brachte mich zum ersten Auslauf mit Krücken (“Unterarmstützen” pft) auf den Stationsflur, gab mir Tipps, überwachte meine ersten Versuche. Ich war überrascht, wie schweißtreibend zweimal 50 Meter Krückengang sein können. (Jajaja.) Das sollte ich noch ein paar Mal am Tag wiederholen – die zweite Runde drehte ich noch vor dem Mittagessen.

Das Personal hier fällt überwiegend durch Kernigkeit und Wanderbräune auf – viele, das weiß ich aus Plaudereien, sind wegen der Berge hierher gezogen, aus allen Gegenden Deutschlands.

Mittags gab es Omelette mit Spinatfüllung und Salzkartoffeln, davor eine Flädlesuppe. Das Rhaberberkompott zum Nachtisch (BRRRRRR) gab ich an eine Rhabarber-liebende Zimmergenossin weiter, aß selbst einen Apfel vom Frühstück.

Lesen, Krückgehen, mehr Lesen, Physio-Übungen – wieder mit deutlichen Fortschritten, ich konnte das operierte Bein immer besser und mit immer weniger Schmerzen bewegen. Durch das Gehen auf dem Gang sah ich auch andere Patientinnen und Patienten: Ja, von denen war ich die jüngste. Am Nachmittag rückten die nächsten ein, sie hatten OP-Termine am Montag.

Dass ich keine 48 Stunden nach der OP bereits so dastehe und mit Krücken gehen kann, finde ich ziemlich sensationell (ein Hoch auf die High-Tech-Medizin!). Auf dem Dach vorm Fenster sah ich Bachstelzen beim Bad.

Besuch bekomme ich hier keinen, das war so geplant: Die Besuchsmöglichkeiten sind wegen der SITUATION eingeschränkt und kompliziert, würden zudem eine längere Anreise erfordern. Ich vermisse auch keinen Besuch – bei all den guten Wünschen, die Sie mir hier hinterlassen! Herzlichen Dank dafür. Außerdem führe ich Statustelefonate mit Herrn Kaltmamsell und Verwandtschaft.

Abendessen: Vollkornbrot, Kräuterquark, Käse, Trauben.
Nach der Tagesschau weiteres Lesen.

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Ich freue mich, dass es bei der Süddeutschen auch eine Liebhaberin von Louis de Funès gibt, nämlich Nadia Pantel:
“Quatsch mit Pose”.

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Großes Kichern auf Twitter: “Proud Boys” ist eigentlich eine besonders eklige, rein männliche Organisation von Rechtsextremisten vor allem in den USA. Durch ein Kapern des Hashtags #ProudBoys bewiesen allerdings Schwule, dass sie viel mehr aus der Bezeichnung rausholen können.

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Wie konnte ich vergessen, wie verliebt ich in Jennifer Lawrence bin?
(Nix Neues, bin nur zufällig darüber gestolpert – ich kann mir viele Gründe vorstellen, warum sie nicht mehr so nahbar ist. Alle davon machen mich traurig oder wütend.)

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https://youtu.be/SOjwzWWR4lA