Journal Freitag, 18. Februar 2022 – Maulen über schlecht gemachte Historiendokus
Samstag, 19. Februar 2022 um 8:40Nach gutem Schlaf mit sensationell schlechter Laune aufgewacht. Ich kannte ziemlich sicher den Grund, half aber nichts.
Die Pause zwischen zwei Stürmen dauerte an, der Fußweg in die Arbeit war angenehm (während im nördlicheren Deutschland Orkanstärke viel zerstörte). Meine Laune blieb trotzdem dunkelstdüster, möglicherweise sah man schon von Ferne eine kleine schwarze Wolke über meinem Kopf (unangenehm, aber was will man machen).
Im Büro geordnete Geschäftigkeit über den ganzen Vormittag. Einmal kurz und sehr heftig gelacht.
Mittags gab es Pumpernickel mit Gorgonzola und einen Ernteanteil-Apfel.
Auch nachmittags ruhige Geschäftigkeit.
Baufortschritt am Heimeranplatz: Der Büroturm bekommt immer mehr Fensterwände.
Nach Feierabend Besorgungen, schon auf dem Fußweg in milder Luft merkte ich, dass sich meine üble Laune gelegt hatte – große Erleichterung. Im Edeka kaufte ich Lebensmittel (Brotzeit für die kommende Woche, Süßigkeiten), im Glockenbachviertel ein kleines Mitbringsel für die Einladung Samstagabend, in der Sendlinger Straße ein Kleid, das ich schon vor Wochen im Schaufenster gesehen hatte. Auch wenn ich diese Kleidergröße aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine Saison haben werde und sich jede Ausgabe für Bekleidung derzeit wie Geld-zum-Fenster-rauswerfen anfühlt.
Daheim kurze Absprache mit den Nachmietern unserer alten Wohnung, wann wir ihnen Herd und Geschirrspüler unserer früheren Küche zukommen lassen.
Zu meiner Freude hatte ich noch Zeit für eine Wiederholung der Yoga-Einheit von Mittwochabend (Folge 20 von “Move”, sie gefiel mir wieder sehr gut, unter anderem weil ich sie konnte), ich fühlte mich so invigorated, wie man sich angeblich nach Yoga immer fühlt.
Diesmal hatte Herr Kaltmamsell die Drinks zum Wochenendfeiern ausgesucht und sich roten Krimsekt gewünscht. Er verbindet ihn mit seiner Jugend, in der er aus genau diesen Gläsern getrunken wurde.
Schmeckte tatsächlich nicht nur süß, sondern auch aromatisch.
Zu Essen gab es Entrecôte mit Sauce Café de Paris (diesmal sehr gut) und Nudeln, ich machte dazu Gurkensalat mit Joghurt und Kresse.
Im Fernsehen kam nichts, wir ließen auf Phoenix eine Doku über das Königreich Jerusalem und den Tempelritterorden laufen (11./12. Jahrhundert), weil sich Herr Kaltmamsell für das Thema interessiert, die beeindruckend schlecht war. Genau so möchte ich Dokus über historische Themen nicht: Hauptsächlich grimmige Spielszenen mit der faktischen Akkuratesse eines Sandalenfilms aus den 1950ern, dazwischengeschnitten Historikeri*nnen als talking heads oder im besten Fall in Ausgrabungen/Ruinen stehend, nahezu unerklärte Einblendungen alt aussehender Schriftquellen (gestern auch tanzende Buchstaben als Zwischenillustrationen), das Thema als zusammenhängende und durchgehende Geschichte erzählt von sonor-dynamischer Männerstimme. Und das alles auditiv aufgebrezelt mit dieser typischen dramatischen Orchestermusik, die mittlerweile eine eigene Gattung für Fernseh-Dokus mit eigener Industrie dahinter sein müsste.
Was komplett fehlte: Woher weiß die Forschung was? (Das fehlte mir am meisten, denn die Thematisierung und Transparenz von Methodik gehört inzwischen standardmäßig zu selbst kleinsten Ausstellungen in Heimatmuseen.) Welche Teile davon sind gesichert, welche nicht? Worin bestehen die größten Lücken? Welche früheren Annahmen haben sich als falsch erwiesen? Woher kamen sie und was sagten sie über ihre Zeit aus? Welche Annahmen hatten welche Auswirkungen bis heute? Wer forscht hier eigentlich warum und wer finanziert das? Und in diesem konrketen Fall mal wieder: Where are the women? Nein, in alten Kinderbüchern Was ist was? zu Tempelrittern tauchen keine auf, aber auch im 11./12. Jahrhundert bestand die Hälfte der Menschheit aus ihnen, und zeitgenössische Forschung besteht genau darin, nach der Rolle bisher übersehener Menschengruppen zu suchen und ihre Bedeutung zu beleuchten.
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Ich hatte schon mal gestanden, dass ich ein Problem mit der Einheit “Kalorien” in seiner allgemein anerkannten Rolle im menschlichen Stoffwechsel habe. Und menschliche Wahrnehmung funktioniert ja so, dass sie vor allem nach Bestätigung bereits vorhandener Annahmen sucht, deshalb fiel mir dieser Artikel sofort auf.
“The calorie counter
Evolutionary anthropologist Herman Pontzer busts myths about how humans burn calories—and why”.
Herman Pontzer ist ein biological anthropologist, und seine Forschung besteht darin Kalorien zu zählen. Während meine Zweifel damals in erster Linie an der Messung von Kalorienaufnahme bestanden (Brennwert soll dasselbe sein wie durch Verdauung zur Verfügung stehende Energie?), untersucht Pontzer, womit Menschen Kalorien verbrauchen. Die Ergebnisse laufen vielen Annahmen zuwider (sonst hätte es wahrscheinlich keinen ausführlichen Artikel im Scientist gegeben):
By borrowing a method developed by physiologists studying obesity, Pontzer and colleagues systematically measure the total energy used per day by animals and people in various walks of life. The answers coming from their data are often surprising: Exercise doesn’t help you burn more energy on average; active hunter-gatherers in Africa don’t expend more energy daily than sedentary office workers in Illinois; pregnant women don’t burn more calories per day than other adults, after adjusting for body mass.
Sportliche Bewegung erhöht im Durchschnitt nicht die Energieverbrennung; aktive Jäger*innen und Sammler*innen in Afrika haben keinen höheren Energiebedarf als Büroarbeiter*innen in Illinois; Schwangere verbrennen nicht mehr Kalorien als andere Erwachsene mit vergleichbarem Body Mass Index.
Weitere Forschungsergebnisse:
– Menschen verbrennen deutlich mehr Kalorien als gleichgewichtige Menschenafffen, und sie sind erheblich besser darin, sie in Form von Körperfett zu speichern.
– Den höchsten Kalorienverbrauch in Relation zu Körpergewicht haben Kleinkinder bis zu Alter von 5.
Vieles weist darauf hin, dass der menschliche Kalorienhaushalt im Vergleich zu dem anderer Arten durch deutlich erhöhten Bedarf der Gehirnleistung bestimmt ist. Derzeit misst Pontzer den Kalorienverbrauch durch Stress und Entzündungen.
die Kaltmamsell7 Kommentare zu „Journal Freitag, 18. Februar 2022 – Maulen über schlecht gemachte Historiendokus“
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19. Februar 2022 um 8:59
Was ich mir gemerkt habe: Das Gehirn macht etwa zwei Prozent der gesamten Körpermasse eines Menschen aus, verbraucht aber zwanzig Prozent aller ihm zugeführten Energie.
Wäre sicher interessant, mal aufzudröseln, wie der Energieverbrauch anderer Organe im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Körpermasse aussieht.
19. Februar 2022 um 9:47
Kinder bis zum Alter von 5 Jahren sind in Wahrheit Duracell-Hasen. (Hier Stand Samstag 09:45 Uhr morgens: das Wohnzimmer ist seit 2 Std. ein Fitnessparcour des Vierjährigen)
19. Februar 2022 um 12:31
Hatte erst vor zwei Tagen wieder überlegt, mal testweise Krimsekt zu kaufen, weil Ulrich (Supermarkt am Zoo) seit einiger Zeit ein extra Regal dafür hat, an dem ich immer vorbeikomme. Weil ich aber niemanden kenne, der schon mal gesagt hat: “musst du mal probieren, lohnt sich”, und ich nicht weiß, wie trocken oder nicht trocken der ist und ob das identifizierbar ist, lasse ich die Finger davon. Ist das eine Flaschengärung und gibt es den nur in einer Sorte? Rot und offenbar halbtrocken (für meine Geschmacknerven dann schon klebrig-süß)? Dass er “nicht nur süß” ist, animiert mich gar nicht. Nicht meine Geschmacksrichtung, hätte auch Angst vor Kopfschmerzen. Oder gibts auch “Extra Brut”?
P.S. ich sehe gerade auf dem Etikett den Zusatz “mild“, das ist in der Sekt-Sprache ein anderes Wort für “lieblich”. Angeblich gibt’s auch weißen Krimsekt, mitunter mit dem Zusatz “trocken”. Jedenfalls Flaschengärung. Vielleicht gucke ich das Regal noch mal genauer an. (ich hab aber schon verstanden, dass das Krimsekt-Experiment ein nostalgisches war)
19. Februar 2022 um 18:53
@gaga nielsen
Krimsekt war in meiner Kindheit (70/80iger Jahren) der letzte heiße Sch*** in der DDR. War Goldstaub und wurde immer zu den `ganz großen` Gelegenheiten getrunken.
Ich habe dann 1998 in St. Petersburg mal eine Flasche mit dem Herrn Irgendwas ist immer getrunken, der Sekt ist süß, irgendwie beerig und … süß. Also für meinen Geschmack, ich trinke am liebsten trockenen (staubigen) Weißwein …
es gibt in Berlin ja genug russische Restaurants, vll sollten Sie es erst einmal mit einem Glas Krimsekt probieren.
19. Februar 2022 um 20:34
@ Gaga Nielsen: Ja, der weiße Krimsekt schmeckt wie etwas herber Prosecco. Zu empfehlen. Aber nicht jeder Krimsekt kommt von der Krim, seit der Annektion erst recht nicht.
20. Februar 2022 um 9:45
Wer süß gar nicht mag, Gaga Nielsen, sollte Krimsekt vermutlich meiden. Selbst habe ich in den vergangenen Jahren festgestellt, dass nicht-trockene Weine und Schaumweine Aromen können, die trockene Sorten nicht draufhaben, das hat mich offener dafür gemacht.
21. Februar 2022 um 8:30
Extra ein paar Tage Zeit gelassen, zum Thema Kalorien.
Ein grundsätzliches Missverständnis ist, dass man glaubt, dass jeder Mensch den gleichen “Wirkungsgrad” hat. Ist ja bei Dieselmotoren auch nicht so.
Aber was grundsätzlich gilt, ist der erste (und auch der zweite) Hauptsatz der Thermodynamik. Energie bleibt grundsätzlich erhalten.
Wieviel Energie in einem Lebensmittel enthalten ist, kann man rausfinden, indem man es verbrennt.
Das geht in den Körper rein. Das was rauskommt, kann auch noch Energie enthalten. Vor 30 Jahren sass ich mal in Ägypten an einem Feuer, welches mit “Camel Shit” befeuert wurde. Wir wissen alle, dass Dung von Pflanzenfresser noch viel Energie enthält, sonst würde ein Miststock im Winter ja nicht dampfen.
Das Delta dazwischen ist das, was der Mensch verbraucht oder speichert. Ob das in mechanische Energie umgewandelt wird, wie bspw. beim Radfahren, oder nur zu Wärme umgewandelt wird, wie beim Denken oder in Körperfett zur Speicherung, ist der Thermodynamik egal, aber es bleibt alles irgendwie erhalten. Nur die Verteilung ist pro Mensch unterschiedlich, und auch pro Zeit. Und deshalb hat das Essen einer Dose gekochter Maiskörner am Morgen bei Frau X und am Abend bei Herr Y unterschiedliche Auswirkungen auf Gewichtszunahme oder Abnahme.